Bluesky ist eine dezentrale Social-Media-Plattform, auf der du kurze Texte mit bis zu 300 Zeichen — sogenannte „Skeets“ — sowie Bilder und Videos veröffentlichen kannst. Die Plattform wurde ursprünglich als Forschungsprojekt innerhalb von Twitter ins Leben gerufen und seit Februar 2024 ist sie für alle ohne Einladung zugänglich. Das Besondere an Bluesky ist sein offenes technisches Fundament: Anders als bei X, Instagram oder Threads gehören deine Daten dir, und du kannst sie im Prinzip mitnehmen, wenn du die Plattform wechselst.
Von Twitter-Idee zur eigenen Plattform
Die Geschichte von Bluesky beginnt im Jahr 2019, als der damalige Twitter-Chef Jack Dorsey ein internes Forschungsprojekt startete. Ziel war es, zu erkunden, ob und wie man ein soziales Netzwerk dezentralisieren könnte — also von einer einzelnen, zentralen Firma unabhängig machen könnte. Dorsey kündigte das Vorhaben im Dezember 2020 öffentlich auf Twitter an.
2021 wurde das Projekt aus Twitter ausgegliedert und zu einem eigenständigen Unternehmen. Im selben Jahr übernahm Jay Graber, eine Softwareentwicklerin mit Erfahrung im Bereich Kryptowährungen, die Führung als CEO. Twitter stattete Bluesky damals mit einem Startkapital von 13 Millionen US-Dollar aus.
Im Februar 2023 startete Bluesky als geschlossene Beta — du musstest eine Einladung haben, um mitmachen zu können. Im Jänner 2024 hatte die Plattform bereits drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer, obwohl sie noch nicht öffentlich zugänglich war. Am 6. Februar 2024 öffnete Bluesky seine Türen für alle, ohne Einladung. Allein am ersten Tag registrierten sich rund 550.000 neue Accounts.
Jack Dorsey selbst trat im Mai 2024 aus dem Board of Directors aus. Im Juli 2023 hatte Bluesky in einer Seed-Finanzierungsrunde 8 Millionen US-Dollar eingesammelt, im Oktober 2024 folgten 15 Millionen US-Dollar in einer Series-A-Runde, und im April 2025 sicherte sich das Unternehmen weitere 100 Millionen US-Dollar. Bluesky ist als Public Benefit Corporation (PBC) organisiert — eine in den USA verbreitete Unternehmensform, die neben Gewinnerzielung auch gesellschaftliche Ziele rechtlich verankert, ähnlich wie es Patagonia oder Ben & Jerry’s sind.
Das AT-Protokoll: Die technische Grundlage
Das Herzstück von Bluesky ist das AT-Protokoll (Authenticated Transfer Protocol). Das ist ein offener Standard für dezentrale soziale Netzwerke — vergleichbar damit, wie E-Mail funktioniert: Verschiedene Anbieter können miteinander kommunizieren, weil alle dieselbe Sprache sprechen.
In einem klassischen sozialen Netzwerk wie Facebook oder X liegen alle deine Daten auf den Servern des Unternehmens. Du bist davon abhängig, dass das Unternehmen dein Konto nicht sperrt, die Regeln nicht ändert oder die Plattform nicht einstellt. Beim AT-Protokoll ist das anders. Deine Daten werden auf einem sogenannten Personal Data Server (PDS) gespeichert — das kann Blueskys eigener Server sein, aber auch ein selbst betriebener oder ein Drittanbieter. Deine Identität ist dabei an einen kryptografischen Bezeichner (einen sogenannten Decentralized Identifier, kurz DID) geknüpft, nicht an den Server selbst. Willst du den Anbieter wechseln, nimmst du deine Follower, Beiträge und Verbindungen einfach mit.
Ein weiteres Merkmal sind anpassbare Feeds: Auf Bluesky kannst du selbst bestimmen, welcher Algorithmus dir Inhalte ausspielt. Neben dem chronologischen Standard-Feed gibt es tausende nutzergenerierte Feed-Generatoren — etwa für bestimmte Themen, Sprachen oder Communities. Wer technisches Know-how hat, kann sogar einen eigenen Feed-Algorithmus bauen und anderen zur Verfügung stellen.
Wachstum und Nutzerschaft
Bluesky wuchs lange langsam, dann schlagartig. Im September 2023 hatte die Plattform eine Million Nutzerinnen und Nutzer, im November 2024 bereits 20 Millionen. Zwei Ereignisse beschleunigten dieses Wachstum besonders: Im August 2024 wurde X in Brasilien vorübergehend gesperrt, woraufhin rund 2,6 Millionen Menschen in einer einzigen Woche zu Bluesky wechselten. Nach der US-Präsidentschaftswahl im November 2024 kamen mehr als eine Million Nutzerinnen und Nutzer pro Woche dazu. Im September 2025 zählte die Plattform über 38 Millionen registrierte Accounts — über 62 Prozent davon waren laut SimilarWeb unter 35 Jahre alt.
Trotz des rasanten Wachstums bleibt Bluesky deutlich kleiner als die Konkurrenz: X gibt für das zweite Quartal 2025 über 400 Millionen täglich aktive Nutzerinnen und Nutzer an, und auch Metas Plattform Threads liegt weit vorne. Zudem zeigen Daten aus Mitte 2025, dass die tägliche Aktivität auf Bluesky nach dem Höchststand im Jänner 2025 wieder merklich zurückgegangen ist — ein Phänomen, das neue Plattformen häufig erleben, wenn erste Migrationswellen abebben.
Kritik und offene Fragen
Bluesky gilt zwar als dezentral, ist es in der Praxis aber noch nicht vollständig. Den Großteil der Infrastruktur — insbesondere die sogenannten Relays, die das Netzwerk durchsuchen und indexieren — betreibt Bluesky selbst. Das Unternehmen hat damit nach wie vor erheblichen Einfluss darauf, was im Netzwerk sichtbar ist und was nicht. Kritiker weisen darauf hin, dass echte Dezentralisierung erst dann funktioniert, wenn viele unabhängige Betreiber diese Infrastruktur übernehmen.
Ein weiteres Problem ist die Moderation: Durch das rasche Wachstum stieg die Zahl der gemeldeten Inhalte im Jahr 2024 um das 17-fache gegenüber dem Vorjahr. Bluesky skaliert sein Moderationsteam, doch bei über 38 Millionen Accounts ist das eine anhaltende Herausforderung. Das dezentrale Moderationsmodell — bei dem Nutzerinnen und Nutzer selbst Inhalte kennzeichnen und eigene Regeln setzen können — ist innovativ, aber auch fehleranfällig.
Bedeutung für Online-Marketing
Für Marken und Marketing-Fachleute ist Bluesky derzeit eher eine Plattform zum Beobachten als zum aktiven Bespielen. Die Nutzerzahl ist im Vergleich zu X, Instagram oder LinkedIn noch gering, und ein Werbesystem gibt es bislang nicht — die Plattform finanziert sich über Investorengelder und plant künftig Abonnementmodelle für Creator. Das macht Bluesky für Nutzerinnen und Nutzer angenehm werbefrei, für Unternehmen aber auch schwerer monetarisierbar.
Interessant ist die Plattform vor allem für Marken in technologienahen oder politisch progressiven Zielgruppen, da diese Communities dort überproportional vertreten sind. Wer frühzeitig präsent ist, kann organische Reichweite aufbauen, bevor der Feed-Wettbewerb zunimmt. Außerdem ist Bluesky durch sein offenes Protokoll für Entwicklerinnen und Entwickler attraktiv — Apps, Tools und Integrationen lassen sich direkt auf Basis des AT-Protokolls bauen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Bluesky und Mastodon?
Beide sind dezentrale Alternativen zu X, verwenden aber unterschiedliche Protokolle. Mastodon setzt auf das ActivityPub-Protokoll und ein Servernetzwerk, bei dem du dir beim Einstieg einen konkreten Server aussuchen musst. Bluesky nutzt das AT-Protokoll und zeigt standardmäßig alle Inhalte aus dem gesamten Netzwerk an — der Einstieg ist damit einfacher, weil du keine Serverentscheidung treffen musst.
Ist Bluesky wirklich kostenlos und werbefrei?
Aktuell ist Bluesky kostenlos und enthält keine Werbung. Das Unternehmen finanziert sich über Risikokapital und plant, künftig Abonnementoptionen einzuführen, mit denen Nutzerinnen und Nutzer ihre Lieblingsaccounts finanziell unterstützen können. Eine klassische Werbe-Vermarktung ist laut Bluesky nicht geplant.
Kann ich meinen Bluesky-Account auf eine andere Plattform mitnehmen?
Theoretisch ja — das ist eines der Kernversprechen des AT-Protokolls. Du kannst deinen eigenen Personal Data Server betreiben oder den Anbieter wechseln, ohne deine Follower und Inhalte zu verlieren. In der Praxis ist diese Portabilität noch nicht vollständig ausgebaut, da ein Großteil der Infrastruktur noch von Bluesky selbst betrieben wird.